Wichtiger Wegweiser

Erfahrungsbericht einer Mutter: Von der Kunst, auf die innere Stimme zu hören

Das Leben stellt uns immer wieder vor kleine und große Entscheidungen. Auch Elli aus Nordrhein-Westfalen musste oft zwischen Ja und Nein abwägen. Die dreifache Mutter hat sich dabei immer auf ihren wichtigsten Ratgeber verlassen: ihr Bauchgefühl.

veröffentlicht am 31.03.2025

Ich lebe in einer kleinen Patchwork-Familie mit drei Kindern, die 19, 12 und noch nicht ganz ein Jahr alt sind. Eine Konstellation, die ich mir als junge Frau wohl nicht hätte träumen lassen. Mein Weg als Mutter begann früher als erwartet und von Anfang an spielte meine Intuition eine wichtige Rolle. Eine innere Stimme, die mir über die Jahre immer wieder geholfen hat, Entscheidungen zu treffen.

So auch bei meiner ältesten Tochter. Ich war gerade 22 Jahre alt, als ich ungeplant schwanger wurde. So vieles sprach gegen dieses Kind. Mein Partner und ich waren gerade erst frisch zusammen, er hatte weder einen Beruf noch einen Führerschein und ich gerade eine Ausbildung zur Krankenpflegerin begonnen, um danach Medizin zu studieren. 

Wir entschieden uns gegen das Kind. Doch je näher der Termin des Schwangerschaftsabbruchs rückte, desto stärker wurden meine Zweifel. Und so ließ ich mich einen Tag vorher kurz entschlossen bei einem Frauenarzt untersuchen. Als er sagte, mit dem Baby ist alles in Ordnung, wusste ich plötzlich genau: Morgen gehe ich nicht in die Klinik, sondern in die Berufsschule.

Ihre Entscheidung für das Baby hat sie nicht in Frage gestellt

Meine Schwangerschaft war nicht einfach, ich hatte gesundheitliche Probleme. Aber mein Arzt begleitete mich gut. In der 31. Woche nahm er beim CTG Unregelmäßigkeiten wahr und schickte mich ins Krankenhaus. Dort wurde ein schwerer Herzfehler bei meiner Tochter festgestellt, wie er häufig bei Kindern mit Down-Syndrom auftritt. Ich war völlig fertig, aber mir kam nie in den Sinn, die Entscheidung für mein Baby in Frage zu stellen.

Auch nicht als Ginny mit Trisomie 21 und ohne Herzscheidewand geboren wurde und mit sechs Monaten am Herzen operiert werden musste. Auch später nicht, trotz aller Herausforderungen, die das Leben mit einem schwerbehinderten Kind mit sich bringt. Wir waren von Anfang an in sie verliebt und für mich war es eine Bestätigung, dass ich mich auf meine Intuition verlassen kann.

„Es braucht Mut und Vertrauen in sich selbst“

Seither habe ich als Mutter immer auf mein Bauchgefühl vertraut. Ich erinnere mich an eine Phase, in der Ginny immer wieder mit Lungenentzündung kämpfte. Wir mussten ständig in die Klinik. Einmal war sie gerade einige Wochen gesund, als es schon wieder losging. Beobachten und wenn es schlimmer wird, ins Krankenhaus, lautete die Empfehlung der Kinderärztin.

Doch mit einem Mal erschien mir das nicht mehr richtig. Stattdessen haben wir unser Kind gepackt und sind nach Holland ans Meer gefahren. Als wir wiederkamen, war sie gesund. Es braucht Mut und Vertrauen in sich selbst, um solche Entscheidungen mit allen möglichen Konsequenzen zu treffen. Ich habe das auch nie blind gemacht, sondern mich immer über alle Risiken informiert und einen Notfallplan entworfen.

Alles lief nach Plan – doch dann kam die Trennung

Sieben Jahre nach Ginny kam Nate gesund auf die Welt – ein geplantes Wunschkind. Wir lebten in sicheren Verhältnissen und waren bestens vorbereitet. Alles lief nach Plan. Wir waren eine ganz normale Familie, bis mein Mann sich 2022 von mir trennte und ich mit meinen Kindern alleine da stand. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich knapp zwei Jahre später wieder vor einer ähnlichen Entscheidung stehen würde, wie mit 22.

Zu diesem Zeitpunkt war ich 40 Jahre alt und wieder in einer neuen Beziehung, als sich unerwartet Leni ankündigte. Und während mir damals bei der ersten Schwangerschaft viele gesagt hatten, ihr seid gerade frisch zusammen und du bist viel zu jung für ein Kind, hieß es nun, du bist nicht mehr die Jüngste. Wochenlang fragte ich mich: Will ich das wirklich? Und dann war die Antwort da und lautete: Ja, ich will das so.

„Wenn meine innere Stimme spricht, kann ich meinen Weg gehen“

Wenn meine innere Stimme spricht, dann weiß ich es plötzlich einfach und kann meinen Weg gehen, meine Entscheidungen treffen. Die großen, lebensverändernden, aber auch die kleinen, die man gerade als Mutter täglich trifft. Vor allem viele Frauen haben ein gutes Gespür für ihre Kinder. Vielleicht liegt das an der natürlichen Bindung durch die Schwangerschaft, die sich zwischen Vater und Kind nach der Geburt erst aktiv aufbauen muss.  

Deshalb finde ich es auch total wichtig, die Beziehung zwischen Vater und Kind zu fördern. In der Schwangerschaft hat mein Lebensgefährte regelmäßig die Hand auf meinen Bauch gelegt, um Leni zu spüren. Unsere Tochter hat immer auf ihn reagiert und sich jedes Mal bewegt. Als ich mit ihr aus dem Krankenhaus kam, trug sie einen Body mit der Aufschrift „I love my Daddy“.

Unsicherheiten und Fehler gehören dazu

Natürlich gibt es auch Bereiche, in denen ich unsicher bin. Jeder Mensch hat andere Stärken, und Eltern machen Fehler. Man kann Dinge auch einfach mal ausprobieren und wenn es nicht optimal läuft, dann lernt man daraus. Genau das vermittle ich auch meinen Kindern: Fehler gehören dazu und bringen uns weiter. Für mich ist die Grenze erreicht, wenn es um lebensgefährliche Dinge geht. Zum Beispiel könnte ich meine große Tochter Ginny zum Bäcker schicken, um Brötchen zu kaufen, damit sie selbstständiger wird. Aber da ich weiß, dass sie sich im Straßenverkehr nicht sicher bewegt und ohne auf Autos zu achten, auf die Straße laufen könnte, gehe ich das Risiko nicht ein.

An anderer Stelle setze ich mich wiederum durch. Zum Beispiel beim Haarewaschen. Da stellt sie sich sehr an, denn sie hasst das Wasser im Gesicht. Aber ich weiß ja, dass ihr nichts passiert. Bei meinem Sohn, der langsam ins Jugendalter kommt, geht es um andere Themen, wie Bildschirmzeiten. Da war ich erstmal eher nachlässig. Aber als es immer mehr wurde, haben wir Grenzen gesetzt und ich habe ein Auge darauf, was er online macht.

„Der richtige Weg ist nicht immer der einfachste“

Es ist mir wichtig, eine gute Beziehung zu meinen Kindern zu haben. Mit Nate rede ich zum Beispiel über Dinge, die ihn interessieren oder spreche aus Spaß mal in Jugendsprache. Wenn ich etwas verbiete, sollen sie wissen, dass ich es aus einer begründeten Sorge heraus mache und nicht, weil ich als Erwachsene mehr Macht habe. Sie sollen sich niemals in der Opferrolle fühlen, sondern immer wertgeschätzt.

Meine Intuition hat mich in meinem Leben durch schwierige Zeiten geführt. Ich habe gelernt, auf meine innere Stimme zu hören und auf mein Bauchgefühl zu vertrauen. Das heißt nicht, dass der richtige Weg immer der einfachste ist. Aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass sich am Ende alles so entwickelt, wie es sein soll.

Elli, 42, lebt mit ihren drei Kindern und ihrem Partner in Nordrhein-Westfalen. Die ausgebildete Gestalterin liebt ihr turbulentes Familienleben und nimmt das tägliche Abenteuer, wie es kommt – mit viel Gelassenheit und Kreativität. Um anonym zu bleiben, möchte sie, dass ihr Nachname nicht genannt wird.

Protokoll: Janina Mogendorf


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