Hilfreiches Gefühl
Der inneren Stimme vertrauen – Wiebke Litschke über Intuition in der Erziehung
Kindererziehung bringt oft Unsicherheiten mit sich. Doch was, wenn der beste Ratgeber bereits in uns liegt? Autorin Wiebke Litschke zeigt, warum Intuition in der Erziehung wichtig ist und wie Eltern lernen, auf ihr Bauchgefühl zu hören.
veröffentlicht am 31.03.2025
Frau Litschke, wie kamen Sie auf das Thema Intuition?
Bei unserem Sohn wurde mit vier Jahren das Wiedemann-Steiner-Syndrom diagnostiziert. In der Zeit vor der Diagnose waren wir oft auf unsere Intuition angewiesen, um einen passenden Weg für unser Kind zu finden. Mit meinem Gespür lag ich meist richtig und das hat mir gezeigt, wie gut es ist, als Eltern auf die innere Stimme zu hören. Natürlich auch, wenn die Kinder keine Behinderung haben.
Reagieren alle Eltern intuitiv?
Ja, das sieht man sehr schön im Umgang mit Babys. Eltern halten ihren Säugling in einer bestimmten Entfernung – genau in dem Bereich, in dem Neugeborene am besten sehen können. Das ist kein Instinkt, sondern ein unbewusstes Erfahrungswissen, das in uns allen angelegt ist.
Wie lässt sich das wissenschaftlich erklären?
Aus der Evolution heraus. Unser Gehirn besteht quasi aus zwei Betriebssystemen. Das ältere ist für intuitive Prozesse zuständig, verarbeitet Erfahrungen und Muster unbewusst und kann schnell reagieren. Der rationale Teil des Gehirns hat sich erst später entwickelt. Unsere Intuition ist also nichts Übersinnliches, sondern basiert auf gespeichertem Wissen, das wir abrufen, ohne aktiv darüber nachzudenken.
Und doch vertrauen wir Erwachsenen oft nicht mehr auf unser Gespür …
Das stimmt. Kinder sind viel intuitiver, weil ihre Wahrnehmung noch nicht so stark von äußeren Einflüssen überlagert wird. Aber spätestens in der Schule ist eher rationales Denken gefragt. In der Erziehung kann die Flut an Meinungen, Infos und Ratschlägen dazu führen, dass Eltern ihren inneren Kompass nicht mehr wahrnehmen. Auch starke Gefühle wie Angst oder Wut können das Bauchgefühl überdecken. Wir neigen dann dazu, impulsiv oder übervorsichtig zu sein, anstatt auf unser eigentliches Gespür zu vertrauen.
Wie kann man wieder einen Zugang dazu finden?
Durch Techniken wie Meditation, Achtsamkeitsübungen oder kreatives Schreiben. Sie helfen, Gefühle wahrzunehmen, richtig einzuordnen und unsere Intuition zu stärken. In der Erziehung ist es gut, genau auf das eigene Kind zu achten. Manche brauchen zum Beispiel mehr Regeln und Strukturen, andere können gut mit Freiheiten umgehen. Wenn Eltern ausprobieren und reflektieren, was für ihr Kind funktioniert, stärken sie ihr Bauchgefühl. Dabei dürfen auch Fehler passieren. Wichtig ist, sich und den Kindern einzugestehen, wenn man mal auf dem falschen Weg ist.
Was tun, wenn Eltern unterschiedliche Wahrnehmungen haben?
Das kommt immer wieder vor, weil Intuition von individuellen Erfahrungen und der Bindung zum Kind beeinflusst wird. Wer das Kind im Alltag mehr betreut, hat oft eine stärkere intuitive Verbindung und dadurch ein anderes Gespür. Die Grenze der intuitiven Erziehung ist erreicht, wenn sie dem Kindeswohl schadet. Geht es aber einfach um unterschiedliche Perspektiven, hilft es, offen miteinander zu sprechen und auch das Bauchgefühl des anderen ernst zu nehmen.
Intuition in der Erziehung – 6 Tipps für Eltern
- Vertraue auf dein Bauchgefühl
Intuition basiert auf Erfahrung und Beobachtung. Eltern treffen oft intuitiv die richtigen Entscheidungen für ihr Kind – selbst, wenn sie nicht immer sofort erklärbar sind. - Achte auf die Körpersprache
Kinder kommunizieren nicht nur mit Worten. Ihre Mimik, Körperspannung oder kleine Gewohnheiten geben dir Hinweise darauf, was sie gerade brauchen. - Nimm dir Zeit für dein Kind
Je besser Eltern ihr Kind kennen, desto leichter erkennen sie auch feine Signale. Intuition entsteht aus der gemeinsamen Erfahrung und wird treffsicherer, je mehr man miteinander erlebt. - Hör auf dein inneres Warnsystem
Wenn dir eine Situation nicht geheuer vorkommt, selbst ohne klaren Grund, vertraue darauf. Intuition hilft, Risiken früh zu erkennen und dein Kind zu schützen. - Unterscheide Bauchgefühl von Angst
Manchmal überlagern starke Gefühle das intuitive Gespür. Versuche bewusst zu unterscheiden: Handle ich aus Intuition oder aus alten ängstlichen Mustern heraus? - Lerne aus deinen Erfahrungen
Intuition wächst mit der Zeit. Vertrauen in dein Bauchgefühl bedeutet auch, Fehler zu erlauben und daraus zu lernen. Wichtig ist, dass Wohl deines Kindes immer im Blick zu haben und es nicht zu gefährden.