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Die Kraft der Kräuter – Porträt über die Expertin Karin Buchart

Heilpflanzen lagen schon immer im Trend. Karin Buchart aus dem Pinzgau setzt sich dafür ein, das Kräuterhandwerk heute wieder für alle leicht zugänglich zu machen. Ein Porträt über die Kräuterfachfrau aus Leidenschaft.

veröffentlicht am 01.04.2025

Ihr Beruf: das Leben kennenlernen – jeden Tag neu. Eine spannende Aufgabe, bei der es Karin Buchart nie langweilig wird. Seit 20 Jahren beschäftigt sie sich mit den heimischen Pflanzen und ihren Heilkräften. „Früher haben wir uns vorrangig die lateinischen Namen eingeprägt und die Pflanzen bestimmt. Mittlerweile ist das Thema philosophischer geworden“, erklärt die Kräuterexpertin aus Unken im Pinzgau. „Wir können uns sehr viel von den Pflanzen abschauen. Wir können ihre Reaktionen beobachten, wenn sie gestresst sind, was sie tun, um zu regenerieren. Das Kräuterhandwerk ist eine sehr charmante Methode, um mehr über das Leben an sich zu lernen.“

Und jetzt im Frühling geht es endlich wieder richtig los. Die Aufbruchstimmung der Natur steckt die 61-Jährige an. „Allein mitzuerleben, wie sich junge Pflanzen ihren Weg durch das Gras bahnen, gibt mir Energie und motiviert mich, gleich selbst etwas Neues auszuprobieren.“ Schlüsselblumen, Vogelmieren oder Gänseblümchen sind für Karin Buchart ideale Frühlingskräuter, die zum Beispiel als bewährtes Hausmittel angewendet werden können. „Sie reinigen den Körper, da sie sogenannte Saponine enthalten, also schäumende Inhaltsstoffe. Diese Saponine stärken unser Immunsystem und wirken entzündungshemmend.“ Die perfekte Frühlingskur.

Ihr Kräuterwissen gibt die studierte Ernährungswissenschaftlerin gerne weiter – in zahlreichen Büchern, Kolumnen und Seminaren. „Wenn ich positive Rückmeldungen bekomme, ist das für mich einfach ein schönes Erlebnis. So erfahre ich, welche Rezepte am liebsten nachgemacht werden und in den heutigen Alltag passen.“ Denn auf die Alltagstauglichkeit achtet Karin Buchart besonders. „In meinen Lehrgängen, die ich anbiete, verwende ich immer ganz normale Zutaten, die man im Lebensmittelgeschäft kaufen oder sich auf dem Fensterbrett ziehen kann. Wenn man in die Tiefen einsteigen möchte, kann man die Rezepte natürlich mit ausgefalleneren Kräutern verfeinern, aber grundsätzlich reichen wenige einfache Kräuter aus.“

Schon ihre Großmutter stellte Kräuterzubereitungen her

So hat es schon ihre Großmutter gehalten, die über das Jahr verteilt fünf bis sechs Kräuterzubereitungen für alle gängigen Krankheiten hergestellt hat. „Da hatte ich schon als Kind den Eindruck, dass man nicht unendlich viele Kräuterheilmittel braucht.“ Dieser Eindruck hat sich in ihrem eigenen Kräuterhandwerk manifestiert. Laut der Umweltstiftung WWF gibt es weltweit etwa 60.000 Heilpflanzen. Karin Buchart kennt davon einige 100, zwischen 50 und 70 „sehr genau und detailliert“. Es gebe natürlich auch Kräuterfrauen, die möglichst viele Pflanzen kennen möchten. „Dafür können sie nicht bei jeder Pflanze alles hundertprozentig wissen. Da gibt es unterschiedliche Ansätze.“

Ihr Ansatz ist, das Erfahrungswissen über die Heilpflanzen der Alpen mit aktuellen Erkenntnissen der Ernährungswissenschaft zu verbinden. Für ihre Dissertation über das Thema „Traditionelle biogene Arzneimittel im Pinzgau“ ging sie direkt zu Bergbäuerinnen und -bauern und kam mit ihnen ins Gespräch. Das dabei gesammelte und niedergeschriebene Wissen wurde 2005 zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO erklärt.

„Um interessante Leute für diese Interviews zu finden, war mir die Tierärztin eine große Hilfe“, erinnert sich Karin Buchart amüsiert. „Die Bauernfamilien, die die Ärztin am seltensten riefen, weil sie ihre Tiere selbst mit Heilpflanzen behandelten, waren meine erste Anlaufstelle.“ Für die damals vor allem analytisch denkende Wissenschaftlerin war der Austausch mit den Bäuerinnen ein echtes Aha-Erlebnis: „Dort habe ich gelernt, dass das Tun immer schon eine Wirkung in sich hat. Manche haben zum Beispiel erzählt, dass sie sich einreiben, wenn ihnen die Schulter wehtut. Womit, war ihnen oft gar nicht so wichtig. Der Akt des Einreibens zählte mehr als der Pflanzenwirkstoff. Das hat mir gezeigt, dass es immer eine Verbindung von Mythos und Logos gibt. Das naturwissenschaftliche Wissen ist nachweisbar und messbar, aber das Drumherum, wie etwas riecht, schmeckt oder sich anfühlt, und das selbstwirksame Handeln sind genauso von Bedeutung.“

In ihren Seminaren dürfen die Teilnehmenden selbst aktiv werden

Ein Lernprozess, der sich auch in der Gestaltung ihrer Seminare und Lehrgänge widerspiegelt. Vor 20 Jahren waren diese noch stark von Theorie geprägt, danach hat Karin Buchart zwar viel gezeigt und vorgemacht, aber die Teilnehmenden kaum aktiv einbezogen. „Jetzt ist es so, dass alle Teilnehmenden selbst Hand anlegen“, erläutert sie. „Wenn man im Kurs etwas zubereitet und weiß, dass man das schon einmal geschafft hat, traut man sich zu, es zu Hause fortzuführen.“

Um den Teilnehmenden immer wieder neue Impulse mitzugeben, feilt Karin Buchart hundertfach an ihren Rezepturen und geht vor allem zwischen Ostern und Ende Juli regelmäßig auf Entdeckungstour in den Bergen. Zu Fuß oder auch motorisiert, wie sie mit einer ordentlichen Portion Selbstironie einräumt. „Ich habe seit zwei Jahren ein E-Bike. Lange habe ich mich gesträubt, aber es ist echt genial. Mit dem E-Bike kann ich ganz leicht auf 1.000 oder 1.500 Meter hochfahren und schauen, wie der Stand der Pflanzen ist und ob schon etwas blüht oder verblüht ist. Das ist ein großer Vorteil, denn viele Stellen in den Bergen erreicht man mit dem Auto nicht und eine Wanderung dauert recht lang.“

Wobei Karin Buchart die sportliche Herausforderung nicht scheut. Bevor sie Ernährungswissenschaften sowie Lebensmittel- und Biotechnologie in Wien studiert hat, war sie eine erfolgreiche Sportschützin. 1984 vertrat sie Österreich bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, 1985 gewann sie die Bronze-Medaille bei den Weltmeisterschaften in den Niederlanden. „Für mich war der Sport eine Möglichkeit, etwas von der Welt zu sehen“, führt sie aus. „Ich bin auf dem Land aufgewachsen, da hat man früher keine großen Familienurlaube gemacht. Wegfahren konnte ich erst durch den Sport.“

Sportlich unterwegs zu sein und in Bewegung zu bleiben, ist Karin Buchart immer noch sehr wichtig. Einmal in der Woche läuft sie 30 bis 40 Minuten. Das macht sie, seit sie 13 Jahre alt ist. Ihr Ausgleich zu einem vollen Terminkalender. Denn Karin Buchart ist nicht nur gefragte Buchautorin und Seminarleiterin, sondern hat auch einige Initiativen und Institute mitgegründet – wie zum Beispiel das Europäische Institut für Angewandte Pflanzenheilkunde. Seit Januar arbeitet sie an einem neuen Konzept für ein Restaurant mit, in dem die verschiedenen Arten des Fermentierens erfahrbar gemacht werden sollen. „Ich bin ein etwas unruhiger Geist“, gibt sie offen zu. „Wenn ich einige Jahre das Gleiche mache, habe ich Lust, mich zu verändern. Wenn ich vernunftmäßig darüber nachdenke, möchte ich das gar nicht, aber ich halte es dann irgendwann nicht mehr aus.“

Diese Umtriebigkeit hat dazu geführt, dass sich Karin Buchart ein breites Wissen angeeignet hat und als Kräuterexpertin anerkannt ist. Das war aber nicht immer so. 2007 wurde auf Basis ihrer Doktorarbeit der TEH Verein, der Verein zur Erhaltung der traditionellen europäischen Heilkunde, ins Leben gerufen – vorwiegend von Frauen, darunter auch Karin Buchart. „Wir wurden nicht ernst genommen. Einmal wurden wir sogar ‚die Basteldamen‘ genannt.“

„Das reine Erfahrungswissen hat einen großen Wert“

Die Erfahrung, dass Naturheilkunde ein wenig belächelt wird, macht Karin Buchart ab und an heute noch. Für sie unverständlich: „Das Ziel sollte sein, dass wir die Naturheilkunde ergänzend einsetzen. In asiatischen Ländern ist das gang und gäbe. In koreanischen Krankenhäusern beispielsweise kommen zu 75 Prozent die westliche Schulmedizin und zu 25 Prozent die traditionelle Medizin zum Einsatz. Das reine Erfahrungswissen hat einen großen Wert, das verkennen leider noch einige.“

Doch manchmal dauert es einfach etwas, bis sich Vorstellungen ändern. Das weiß die Kräuterexpertin aus ihrem eigenen Umfeld und fügt schmunzelnd folgende Anekdote an: „Als meine beiden Töchter Teenager waren, war mein Beruf total uncool. Wahrscheinlich haben sie eine Zeit lang niemandem erzählt, was ich beruflich mache. Mittlerweile sind beide über 30 und verwenden vieles, was ich versucht habe, ihnen an Wissen mitzugeben. Als meine jüngere Tochter nach New York gezogen ist und dort zum ersten Mal krank wurde, hat sie mich angerufen und gesagt: ‚Mama, ich brauche deine Kräuter.‘“

Karin Buchart bleibt also beharrlich. Sie will sich weiterhin jeden Tag neu dem Kräuterhandwerk stellen. „Nach so vielen Jahren fügt sich vieles zusammen, und man hat das Gefühl, endlich den Überblick zu haben, wie das Ganze funktioniert. Jetzt ist die Herausforderung, dieses Wissen verständlich zu verpacken und anderen einfach zugänglich zu machen. Früher war man ständig mit Kräutern in Kontakt und hatte einen natürlichen Instinkt dafür. Dieses Training fehlt uns heute. Aber wie das Kochen kann man auch das Kräuterhandwerk erlernen. Dabei möchte ich anderen helfen.“

Zum Weiterlesen:

In ihrem Praxisbuch „Das Kräuterhandwerk“ (Servus Buchverlag) beschreibt Karin Buchart die wesentlichen Techniken zur Herstellung verschiedener Auszüge, Tinkturen und Salben. Illustrationen veranschaulichen alle Schritte der einzelnen Prozesse. Mehr über die Kraft der Kräuter erfahren Sie im Lehrgang „Pflanzenheilkunde Praktiker:in“ und auf der Website von Kräuterexpertin Karin Buchart

Rezeptidee: Maiwipfelsirup

Zutaten:
1 Teil junge, hellgrüne Triebe von Fichten
4 Teile Wasser
3 Teile Zucker
Zubereitung:
Die jungen Triebe im Wasser eine halbe Stunde köcheln. Dann die Wipfel abseihen, die sich braungrün verfärbt haben. Die Flüssigkeit mit dem Zucker zwei bis drei
Stunden kochen, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist. Vorsicht: Es kocht leicht über. Anwendung: als Hustensaft oder kulinarisch lecker aufs Butter- oder Käsebrot.


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